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Das Narbengesicht
 

 

Auf einmal war er da.
Jeder sieht es genau. Der kommt aus der Gosse und weiß sich zu wehren.
Er ist schnell wie ein Pfeil, und seine Muskeln sind gespannt wie ein Bogen.
Man legt sich besser nicht mit ihm an und hängt vor dem Schloss vor seinem
Käfig gleich noch ein zweites dran. In der hintersten Ecke sitzt er starr wie  ein
Fels, duldet keinen Blick, und leise knurrend zieht er sich zurück.
Niemanden will er sehen. Im Schatten versteckt er sein häßliches Narbengesicht.
Seine Augen sind rot .. so viel Hass! Er beißt nach der Hand, die durch sein
Gitter fasst. Auf seinem Pelz, da klebt noch das Blut vom Kampf aus vergangenen
Tagen und Nächten, als irgendwer nach ihm schlug und ihn beinahe mit einer
rostigen Stange erschlug. Weil er nicht gut genug war in den Augen der Menschen.
Und in einer Nacht, als er für Geld die Macht der Stärke mit seinesgleichen austrug,
da haben die Todesschreie seine Seele gebrochen. Nie mehr wollte er töten, und dann
lief er weinend fort. So viele Tage lief er auf wunden Pfoten und verkroch sich in den
Büschen vor denen, die zornig nach ihm suchten. Bis  irgendwann einer ihn fand ...
verdurstend und hungernd, mit gebrochener Seele.
Er sucht sich die dunkelste Ecke, und legt sich nur zögernd auf seine warme Decke.
Wie gern würde er einfach nur schlafen, doch die Angst vor den Träumen lässt ihn
aufmerksam wachen. Nie mehr soll ein Mensch es wagen und so schlimme Dinge
mit ihm machen .
Der Hund aus dem Heim .. Wie schmutzig er ist und so gefährlich. Die Maske aus
Stein liegt stumm auf seinem Gesicht. Er wird lieber sterben, als Vertrauen
zulassen. Er will  keinen Freund. Auch keinen Feind. Er bleibt allein für sich. Bald
mag keine Hand mehr durchs ein Gitter fassen. Man lässt ihn in Ruh  und geht
stumm an seinem Käfig vorüber.
Vielleicht ein paar Tage noch, dann kriegt er den Schuss. Ihm ist nicht zu helfen,
 und einmal ist Schluss. Starr bleibt die Maske vor seinem Gesicht. Er fühlt
es ... Bald wird er sterben, und über die Brücke gehen und über den Fluss.
Schon lange hat er die Hoffnung verloren und das Ende herbei gesehnt. Im Leben, da
war er immer allein. Vielleicht aber wird der Tod ein klein wenig freundlicher zu ihm
sein. Alle sagen es. Das Narbengesicht aus der Gosse ist der hässlichste Hund aus dem
Heim. Da kam ein Mensch, der enttäuscht von den Menschen war. Wund ist sein Herz.
Der Schmerz fraß es restlos leer. Und er sieht nicht den wilden Hass in dem Hundegesicht,
fühlt nicht den geifernden Fang, der sich bedrohlich nahe durch das dicke Gitter schiebt.
Der einsame Mensch sagt ganz leise nur ein einziges Wort, und er reißt dem hässlichen
Hund die Maske vor seinem Gesicht mit einem Ruck fort. In tausend Scherben bricht sie zu
Boden, und sie lässt ihn die Tränen weinen, die er weint in diesem Augenblick. Er mag gar 
nicht aufhören, und weint viele Stunden . Er weint um die Freunde, die er verlor, um am
Leben zu bleiben, verflucht die Menschen, die ihn mit Steinen bewarfen, und stolz mit
ihrem blutigen Geld ein Monster erschufen.
 

 

        Still ist es geworden mit einem Mal in dem Heim.

 

Tiere und Menschen schauen hin zu dem Narbengesicht.
Sie stehen schweigend betroffen für einen Moment, und ein jeder von ihnen weint seine
Tränen allein für sich. Dann bedecken sie machtlos ihr Gesicht.
 

 

Die ersten hellen Schatten eines neuen Tages fallen auf das Narbengesicht.

 

 

Heute kommt der Mensch, der so enttäuscht von den Menschen ist ,und er nimmt ihn mit.
Alle im Heim sehen seine Angst. Er mag die Leine nicht und das schöne weiche Lederband.
Doch ganz leise flüsternd sagt sein Herr nur ein einziges Wort, und er geht mit ihm die
Straße hinunter und durch den Ort. Er geht an den Wiesen vorbei auf ein weites
Kornblumenfeld. Er löst die Leine von dem Lederband, und wirft einen bunten Ball so weit
er nur kann in das Feld hinein. Verstohlen schiebt der Hund sich an dem Menschen vorbei
und macht sich auf, die Hoffnung erhaschend und den bunten Ball. Er spürt, er ist nicht
mehr allein. Und er wird kein Hund mehr aus der Gosse sein. Er suchte Liebe. Von Anfang
an. In seinem Herzen beginnt ein Fünkchen Hoffnung aufzuglimmen .
So sehr wünscht er es sich;  nie, ... nie wieder ein Monster zu sein.
    Bald liegt er schüchtern sich freuend auf seiner Decke am warmen Kamin, und schaut
gedankenverloren zu den knisternden Flammen hin. Ein alter Schuh zum zerbeißen wurde
sein größter Schatz, und es gibt Tage, da macht er bereitwillig Platz für Alisa, die kleine
getigerte Katz. Er lässt es zu, dass sie sich anschmiegt an seinem geschundenen Pelz,
und in dieser, oder in einer anderen Nacht leise schnurrend seinen Schlaf bewacht.
 

 

    Der Hund aus dem Heim behält sein Narbengesicht! Viele Wunden bleiben für immer

 

frisch. Er schaut seinem Herrn sehr genau ins Gesicht und einmal, da sieht er, dass der
Freund eine Träne sich aus den Augen fort wischt.  Sofort springt er auf von seinem
Platz am Kamin, um  eiligst ganz nahe in dessen weinende Augen zu sehen. Er macht
sich ganz klein und drängt sich nicht auf ... Bebend verharrt er Stunde um Stunde
geduldig und wartet auf ein einziges gutes Wort.
 

 

        Draußen, da liegt schon die Dämmerung über den Ort, und sie gehen die Straße

 

hinunter und an den Wiesen vorbei auf das schweigende Kornblumenfeld ...
Weit fliegt der Ball durch die Schatten in das Feld hinein ...  Das Narbengesicht
macht sich auf. Er ist schnell wie ein Pfeil auf der Suche nach dem bunten Ball.
In seinem roten gefährlichem Fang hält er ihn so fest er nur kann, trägt ihn behende
trabend zurück zu seinem weinenden Herrn.
Langsam gehen sie den Weg durch die Dämmerung heim.
        Der einsame Mensch und das Narbengesicht.
 
 
 

 

Geschichte aus dem Buch