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Der alte Baum

 

Wenn die Träume der Nacht sich verfangen über den schlafenden Wald, dann schweigt die Zeit, als wäre sie niemals an diesem Ort gewesen.

 

Schwer atmet die Sehnsucht uralter Bäume über den Wegen und wenn du dich einmal versehentlich nach dorthin verirrst, dann horche auf,
denn sie tuscheln und raunen, und manchmal, da hörst du sie ganz leise weinen.
Verstecke dich in den Büschen und warte geduldig ein paar Augenblicke, bis der Mond seine silbernen Schatten wirft.
Von irgendwo tritt eine Elfe aus den Schatten hervor ... sie kommt nur in der Nacht und sie spricht zu den heran blühenden Bäumen.
Manchmal erzählt sie lange Geschichten aus vergangenen Zeiten, und sie lehnt ihren Rücken an einen trockenen Stumpf.
Sie schaut träumend zu den silbernen Schatten hin und in ihrer Stimme liegt ein leichtes Beben, wenn sie zu erzählen beginnt.
Von dem alten Baum, der genau an dieser Stelle seinen Platz im Walde verlor und Abschied nahm von seinem Leben.
Sei ganz still, wenn du das Glück hast und die Elfe durch die silbernen Schatten gehen siehst.
Du wirst es fühlen ... auf deiner Haut und in deinen Haaren, und als flöge ein Zauber über den schlafenden Wald, so wird die Luft schwer
und süß und hüllt dich in den Duft wilder Rosen.
Bleibe geduldig. Ich weiß, sie wird kommen und nach den heran blühenden Bäumen sehen. Doch zeig dich ihr nicht oder erschrecke sie,
denn es ist die letzte der Elfen, die es in unserer Welt noch gibt.
    Warte, bis der Mond seine silbernen Schatten wirft ...
Der alte Baum ist tot und nie vergaß ich sein Tränengesicht, als er im dämmernden Morgenlicht fiel.
Er liebte seinen Wald und wäre so gern dort geblieben, doch die Menschen hatten anders über sein Leben entschieden.
Mein Freund, der Baum .. weit ragte sein Geäst bis in den Horizont und mehr als hundert Jahre schon stand er an seinem Platz im Walde.
Es freuten ihn die Vögel sehr ... jeden Frühling kamen sie von Süd und Westen her und sangen ihre schönen Lieder. Sie bauten ihre Nester
im Schutz seines Geästs, und der Wind strich seine Blätter, wenn er kam, um einen Augenblick zu ruhen. Er erzählte von seinen Reisen durch
das Regenbogenland, und wusste auch, worüber die Tiere aus dem Walde sprachen, und warum die Elfen grüne Kleider tragen. Und jeden Tag,
so in der Früh, da kam ein Mädchen mit langen roten Haaren in einem bunten Leinenkleid über den Wiesenpfad. Es ließ sich zu seinen Füßen
nieder und zauberte aus einem weißen Blütenmeer die allerschönsten Kränze her. Der Baum neigte sein Gesicht ganz nah herab und besah die
Blumen von allen Seiten bewundernd an. Er mochte dieses Mädchen sehr und hat an jedem Tag gewartet, bis es kam und die schönen Kränze für
ihn band. Oft lag es im weichen Moos, träumte in den Tag hinein und vertraute all seine Sorgen dem alten Baume an. Schützend streckte er sogleich
seine starken Arme weit ... wie gern hätte er das Mädchen für alle Ewigkeit in seinem grünen Kleid versteckt. Das Mädchen blieb bei ihm bis hin
zur Abenddämmerung und sang ein kleines Lied, bevor es durch den Wald zurück nach Hause lief.
An einem Tage, er neigte sich dem Ende bald, die Sonne stand schon tief. Der Wind war lange schon davon gezogen ... so friedlich im Geäst der
Vogel schlief. Da wurde Gelächter laut und Männer in gegerbten Lederhosen traten hin zu Baume in den Wald. Sie trugen eine Säge und eine Axt auf
ihren Schultern, und sie hielten in der Hand auch einen langen schwarzen Spaten, um sogleich vor seinen Füßen ein großes Loch zu graben.
... Es ist wohl an der Zeit, flüsterte der alte Baum, und eine Träne rann zu seinen Lippen.
... Mein Blut wird heute Nacht über all die weißen Blumen fließen, und meine Seele wird den Brüdern folgen, die in dem Windes Trauerlied ihr Leben
ließen. Wo mag das Mädchen seinen Kummer weinen, wird statt meiner nur ein abgesägter Stumpf verweilen? Es wird nach meinem Tode sicherlich
sein Leben lang verwundbar bleiben!
Er seufzte schwer und weckte auf den Vogel ... sah hin zum Sternenlicht ... da tat die Axt den ersten Hieb. Der Baum stöhnte laut und seine Schreie hallten
durch das Abendrot. Die lange Nacht hindurch blähte er sein mächtiges Geäst, kämpfte gegen die Säge und die Axt. Das Blatt der Säge brach, dennoch mit jedem
Hieb der Axt, da schwand des alten Baumes Kraft. Im ersten Sonnenrot starb er ...  seine Tränen fielen auf das weiße Blumenmeer. Erstarrt vor so viel Weh,
streckten die Elfen ihre Hände zu einem Gebet. Sie blieben eng beisammen gerückt und hielten sich stumm, im von des Baumes blutdurchtränktem Moos
versteckt. Der Wind zog seine Kreise und der Wald ... weinte ganz leise.
Die Männer in den gegerbten Lederhosen hackten den Baum in gleichgroße Teile, und sie sägten aus ihnen viele armdicke Stücke. Sie schwitzten und sie fluchten,
und als die Sonne ihr Gesicht in den Nachtnebeln verbarg, da hatten sie den Baum auf einen rostigen Karren geladen. Weiß und kahl lag er dort, und sein schönes Kleid
lag achtlos in all den  Blumen zerstreut. Dann brüllten die Männer den Ochsen zu ... zieht endlich an, dummes Vieh! Sie schlugen mit Peitschen auf die Tiere ein,
und so mühte das Vieh mit dampfenden Mäulern sich durch den Wald hinab in das Menschental.
 Aus dem stolzen Baum wurde bald ein Stubenschrank. Von Hand geschnitzt war er und füllte beinahe die ganze gute Stube aus. Die Leute sahen zu ihm herauf und strichen
mit ihren Händen über dieses edle Holz. Doch Katz und Mäuslein spitzten jede Nacht die Ohren weit, denn sie hörten in der Stube Geflüster und auch leises Raunen.
Da träumte jede Nacht der Stubenschrank, er wäre zu einem Baum geworden und stünde an seinem Platz im Walde. Sein Geäst könnte er weit bis in den Himmel
strecken, und kleine bunte Vögel kämen von Süd und Westen her, um sich in seinen Ästen zu verstecken. Der Wind hatte sich für einen Augenblick verfangen, und das
Tau des Morgens tät erfrischend seine Seele wecken. Die Elfen sah er nach den Sternen greifen ... und das Mädchen sang so lieblich, es lag im weichen Moos unter seinem
grünen Kleid ... der alte Baum war unter seinen Brüdern wohl der glücklichste im Walde  weit und breit. Der Duft der weißen Blumen zog mit der nahenden
Morgendämmerung davon. Er spürte eine Träne, die zu seinen Lippen rann. Da stieg das Rot der Sonne auf und höher noch. Die Nacht zog fort und warf ihre letzten
Schatten an die Wand. So wurde dann der Baum wie jeden Tag zu einem edlen Holz. Es knarrte in der ganzen Stube laut und es schien, als weinte der schöne Stubenschrank.
Doch eines Nachts, da dachten Katz und Mäuslein wohl, sie träumten einen Traum. Auch die Menschen schliefen ahnungslos. Sie hörten nicht den Wind, der sich suchend
durch die Räume trieb. Er zog durch jedes Zimmer und stieß die Türen auf. In der besten Stube dann, fand er den alten Baum. Groß und mächtig lehnte er ächzend an der
Wand und streckte weinend seine Äste nach dem Winde aus. 
  ... Es ist nur dein grünes Kleid, das dir verloren ist ...  sagte der Wind, und er blies die Häkeldeckchen fort vom Baumgesicht. Deine Seele kehrt dorthin zurück, wo Anfang
und Ende ineinander verschlungen immer wieder von vorn beginnen.
Da weinte der Baum nicht mehr, und er nahm des Windes Hand. Sie zogen die Treppe des Hauses hinunter bis zu dem Ende der Straße, und durch all die vielen Gassen und an
den Läden der Stadt vorbei folgten sie dem Gesang der Vögel. Silberne Schatten zogen über den Wald .. das Moos war noch feucht von der Nacht und die weißen Blumen
schienen gerade erwacht. Erste Sonnenstrahlen hielten des Baumes Seele auf ihren Armen und trugen sie immer weiter über die Wiesen und über die Felder, und über den kleinen
Bach, der die Regentropfen auffing und die Tränen der Waldelfen ...
Noch heute steht der Schrank in des Menschen Stube. Mit Holzglasur wurde er eingestrichen und mit einem weichen Tuch kräftig poliert. Stolz schauen die Leute zu ihm herauf,
und sie streichen immer und immer wieder über dieses edle Holz. Bricht die Abenddämmerung heran, dann ruhen Katz und Mäuslein still. Fortan war  kein Laut mehr 
zu hören. Kein Flüstern mehr und auch kein Raunen.
Mein Freund, der Baum .. der Wind hat ihn auf seinen Armen fortgetragen und lange schon steht er im ewigen Tal inmitten weißer Lilienfelder an der Seite seiner Brüder auf einer
kleinen Anhöhe, die ihm einen guten Blick in die Weite der Stille ermöglicht.
... Warte noch ein Weilchen, bevor du wieder deines Weges ziehst ... gewiss wird die Elfe zu der kleinen Lichtung dort drüben gehen. Sie wird vor einem Bäumchen niederknien. Mit
ihren Händen sein grünes Kleid berühren ... vielleicht wird sie aus den bunten Zweigen einen hübschen Kranz zu seinen Füßen dekorieren und scheu nach allen Seiten blickend
rasch zurück durch die Schatten ihres Waldes huschen. Lasse sie gehen ... ich bitte dich! Verliere kein Wort über das, was geschah. Menschen sind rastlos in ihren Wünschen, und sie
geben nicht eher Ruhe, bis sie gefunden haben, wonach sie suchen und in die Enge getrieben, wird auch die letzte der Elfen aus unserer Welt für immer verschwinden und mit ihr all
die Geschichten, die dich und mich und viele andere so tief berührten  ...

Geschichte aus dem Buch